Dienstag, 27. September 2016

Monopoly für die Seele

Seit einem Jahr und drei Monaten bin ich nun Mitglied einer allmählich erstarkenden Gruppe: der RentnerInnen in Deutschland. Was für Vorstellungen hatte ich gehabt, was davon hat sich erfüllt und was hat sich als völlig andersartig erwiesen? Ich denke noch an die Geschichte von dem Mann, der ein Vogelhäuschen baute, dann noch eins und so viele, dass sich am Schluss die Vögel über seine Verschwendungssucht beschwerten. Der allmählich vertrottelt im Morgenmantel herumlief und die Mitglieder von esoterischen Gruppen brüskierte. Vorsicht, warnten die Ratgeber, mit ihrem Lebensgefährten werden Sie jetzt viel mehr Zeit verbringen als zuvor. Und der wird Ihnen auch mehr reinschwätzen als zuvor. Dem wollte ich entgegenwirken. Tätig sollte der Tag zu Ende gehen, sozial und kreativ wirksam, selbstverständlich. Dazu würde ich große Reisen machen und weitere Bücher schreiben. Doch wie so oft im Leben kam es ganz anders. Im Juli 2015 gab es einen Todesfall, der mir mit erschreckender Klarheit vor Augen hielt, dass ich das letzte lebende Mitglied dieser Familie sein würde. Auf der anderen Seite waren die neue Freiheit von jeglicher Arbeit und von allen Terminen, die monatelangen Sonnentage wie ein Rausch, dem ich mich voll und ganz hingegeben hatte. Der Winter aber ist ein harter Mann. Der Lebensgefährte hat mir nicht reingeschwätzt, sondern hat mich ständig mit Fluchtgedanken - Deutschland sei unbewohnbar geworden - und Auswanderungsgedanken aus demRuder geworfen. Du entkommst dir nicht, und anderswo kochen sie auch nur mit Wasser! Nicht nur einmal habe ich, die friedfertigste Person der Umgebung, mit der Faust auf alles mögliche eingehauen.

Eines Tages, oder innerhalb von Wochen, dachte ich mir: Wie wäre es, wenn ich wie beim Monopoly sagen würde: Gehe zurück auf Los. Ziehe keine 4000,- DM ein. Vergiss alles, was du bisher erlebt, was du studiert, gearbeitet und geschrieben hast. Erinnere dich an die selbstwirksamen Elemente dieser Zeiten, denke an den roten Faden, der dieses Webtagebuch seit den fast zehn Jahren durchzieht, die es jetzt existiert. Resilienz und Achtsamkeit, das waren meine Stichworte, und die hat uns unsere Supervisorin auch in einer der letzen Stunden ans Herz gelegt. Man kann niemandem helfen, wenn man sich nicht selber helfen kann. Die Likes, die ich in mehr als vier Jahren bei Facebook vergeben habe, waren der vergebliche Versuch, anderen etwas zu geben, was ich selbst gut hätte brauchen können. Wohlgemerkt, die Likes, an Informationen und echtem Austausch habe ich vieles mitbekommen. Aber es hat so müde gemacht auf die Dauer. Ebenso die Versuche, gegen Buchmarktmühlen anzurennen.

Jetzt bin ich eine neue Rentnerin. Oder zumindest im Begriff, eine zu werden. Ein Vogelhäuschen gibt es schon seit zwei Wintern, das stammt von irgendeinem Bauernmarkt. Der Morgenmantel wird gar nicht erst angezogen, die esoterischen Gruppen gar nicht erst besucht. Geholfen wird dort, wo die Hilfe nicht in einem Fass ohne Boden versinkt. Die vielgelobten Tiere als Aufgabe für RentnerInnen brauche ich nicht, denn sie sind ständig anwesend. Nach der geliebten Katze, die mich monatelang besuchte, ist gegenüber wieder ein neues Kätzchen da, das an meinem Walnussbaum hochspringt, wieder runterfällt und noch etwas scheu meinen Wohnraum erkundet. Dompfaffen und Rotkehlchen machen es sich auf den Gartenstühlen gemütlich, Eichhörnchen sammeln Nüsse und vergraben sie im Beet, Amseln und Elstern zetern im Verbund oder singen des Abends Melodien. Und nachts schreit in der Ferne immer wieder ein Esel. Der Nachbarsjunge donnert jetzt nicht mehr so oft seinen Ball an die Garage, er pfeift nicht mehr aus Angst, das verboten zu kriegen, denn wir haben uns über seiner kleinen Katze versöhnt. Was mir gut tut, weiß ich und weiß ein jeder, der diesen Blog regelmäßig verfolgt. Kleine und große Wanderungen, Ausflüge abseits der Autoströme und Baustellen, gutes Essen, gute Bücher, empathische und authentische Menschen, Kultur und Abwechslung und das Schreiben ohne Gedanken an das, was daraus werden könnte. Am Wochenende fahre ich zu einem Autorentreffen in Oberursel, das ist eine schöne Abwechslung und Bereicherung meines digitalen Alltags. Und einige von diesen Gedanken fand ich bei meiner sehr geschätzten Kollegin Petra van Cronenburg wieder. Ist das Müll oder kann das weg?

Herbsttag

Und noch ein Herbstgedicht, das ich, neben dem von Eduard Mörike, immer am meisten gemocht habe:

Herbsttag
HERR: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
Und auf den Fluren lass die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
Gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
Dränge sie zur Vollendung hin und jage
Die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
Wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
Und wird in den Alleen hin und her
Unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke (1875-1926)
(Herbst 1902)

Freitag, 16. September 2016

Wie ein Schreiber zu Potte kommt

Immer, wenn ich in den beiden letzten Wochen an meinen Blog dachte und daran, dass es mal wieder Zeit würde, einen Beitrag zu schreiben, verwarf ich diesen Gedanken wieder. Der letzte Beitrag war ein Herbstgedicht von Theodor Fontane, was merkwürdigerweise geradezu zu einem Hype von Besuchern führte. Als würden viele Menschen nach Sinn-Gedichten oder Dingen suchen, die sie mental aufbauen. Das kann natürlich nicht zur Folge haben, dass mein Blog künftig nur noch aus Zitaten bestehen würde und ich nichts mehr aus meiner Feder fließen lasse. Ja, für wen schreibe ich jetzt seit zehn Jahren diesen Blog? Für alle, die meinen Blick auf das Leben (und auf das Schreiben) teilen. Gestern habe ich kurz in einen Fernsehbericht reingeschaut, in dem es um Hass im Netz ging. Radikalisierung entstehe, wenn sich eine Gruppe bildet, die eine Meinung teilt und alles andere ausschließt. Solidarität entsteht umgekehrt genauso, nur lässt sie abweichende Meinungen zu oder kann sie absorbieren. Des Weiteren habe ich überlegt, ob ich für meine Altersgruppe, die Rentner, einen Beitrag schreiben sollte. Wie es sich anfühlt, nach etwas mehr als einem Jahr richtig angekommen zu sein, sich von den Vorstellungen, die das Berufsleben bestimmten, verabschiedet zu haben. Und eine ganz neue, entspanntere Identität gefunden zu haben.

Wenn du in Rente gehst, wirst du sicher froh sein, mehr Zeit zum Schreiben zu haben, sagte damals eine Klientin zu mir. Wir wünschen dir noch viele Bestseller, schrieben die Kollegen auf das Abschiedskärtchen. Was schreibst du denn gerade, und wie geht es sonst mit deinen Büchern?, wollte die Vorstandsrunde beim Abschiedsessen wissen. Da komme ich immer in Erklärungsnot. Das Buchgeschäft ist auch nicht mehr das, was es einmal war, versuche ich dann auszuweichen. Ich schreibe jetzt E-Books. Das war die große Unbekannte und in den Kreisen durchaus kein erstrebenswertes Mittel, um Bücher zu lesen. Sie alle gehören allerdings zu meiner "Zielgruppe", denn sowohl Klienten als auch Kollegen haben meine Bücher immer sehr gern gelesen.

Was ich mit meinem "Rentnerbeitrag" hätte erreichen wollen? Vielleicht anderen in einer ähnichen Situation Mut zu machen, andere, kreativere Wege zu gehen als bisher. Ich hatte nur noch nicht die Worte dafür gefunden. Heute Morgen besuchte ich den Blog einer lieben Autorenkollegin, die genau das schrieb, was mir die ganze Zeit im Kopf herumgegangen ist. Tausend und ein Gedanke. Das gilt nicht nur für das Schreiben, sondern für das eigene Leben, das man unabhängig von der Meinung anderer so gestaltet, wie es für einen passt und was einen "glücklich" macht. "Erfolg", so denke ich gerade, ist eine Art dicke Kuh, die einen aufs Eis zum Tanzen verführen will. (Da höre ich im Hintergrund Protest der vielen Leser, die meine Bücher gelesen haben-hallo, hier, hier ist deine Zielgruppe!, monieren sie). Dem Ruf dieser tanzenden Kuh bin ich nicht mehr gefolgt, habe mich nirgends mehr beworben, sondern schreibe an meinem neuen Roman, dessen verknotete Strukturen ich vor ein paar Tagen aufgelöst und neu zusammengesetzt habe. Ich kann wieder schreiben, ohne zu wissen, ob sich dafür eine Agentur, ein Verlag oder eine Zielgruppe im Self Publishing finden wird. Und das ist einfach beglückend.

Dienstag, 30. August 2016

Altweibersommer

                                                         
O trübe diese Tage nicht

              O trübe diese Tage nicht,
 Sie sind der letzte Sonnenschein,
Wie lange, und es lischt das Licht
   Und unser Winter bricht herein.

   Dies ist die Zeit, wo jeder Tag
    Viel Tage gilt in seinem Wert,
Weil man's nicht mehr erhoffen mag,
Dass so die Stunde wiederkehrt.

Die Flut des Lebens ist dahin,
Es ebbt in seinem Stolz und Reiz,
Und sieh, es schleicht in unsern Sinn
Ein banger, nie gekannter Geiz;

Ein süßer Geiz, der Stunden zählt
Und jede prüft auf ihren Glanz,
O sorge, daß uns keine fehlt
Und gönn' uns jede Stunde ganz.
(1819 - 1898), dt. Schriftsteller, Journalist, Erzähler und Theaterkritiker

Samstag, 27. August 2016

Einfach mal aus dem Fenster schauen

Umfragen scheinen wirklich in zu sein, und gestern hat meine Zeitung mal wieder eine gebracht. Ich lese sie gern, nicht, weil man zu jedem Thema eine Untersuchung machen könnte, um damit etwas zu "beweisen", sondern weil sie Trends anzeigen, die ich selbst beobachte. Den Freizeit-Monitor 2016 kann man sich herunterladen; ich fasse kurz zusammen, was ich da in der Papier-Zeitung gelesen habe. Bei allem Multi-Tasking und und bei aller Ich-Inszenierung deute sich in letzter Zeit ein neuer Trend an: einfach mal nur zu faulenzen. Was heißt denn das nun eigentlich? Faulenzen kommt laut Duden aus dem Ostmitteldeutschen und bedeutet: Faulig sein, übel riechen, sich dem Nichtstun hingeben [und dabei Dinge vernachlässigen, die man zu erledigen hätte], arbeitsscheu sein, sich dem Nichtstun hingeben, die Hände in den Schoß legen, nichts arbeiten/tun, untätig sein; (gehoben) auf der faulen Haut liegen, Daumen/Däumchen drehen, dem lieben Gott den Tag stehlen, die Zeit totschlagen, (Jugendsprache) chillen Die Wissenschaftler geben zu bedenken, dass das heutige hohe Tempo in der Arbeit und Freizeit nicht zu halten sei. In den 60 er Jahren hätte das "einfach mal aus dem Fenster schauen" einen hohen Stellenwert gehabt. Heute hält man jemanden, der stundenlang aus dem Fenster schaut, wahrscheinlich für spinnert oder depressiv. In der Freizeit seien In-Sportarten und Mediennutzung aller Art gefragt, immer etwas, über das man auch interessant in den Medien berichten kann. In den 60ern hätte es 30 Sportarten gegeben, heute sind es 400. Geht man heute essen, checkt man nebenbei noch seine Mails, seine Facebook-und anderen Kontakte, telefoniert und spielt Pokemon. Out sei, was einen langen Atem braucht, also so etwas wie malen, dichten, handarbeiten. Auch die echten sozialen Kontakte kämen zu kurz. Dabei sei die liebste Beschäfigung der Stichprobe, mit 70% Anteil, über wichtige Dinge zu reden! Die glücklichste Generation seien in den Augen der Forscher die Senioren, denn sie hätten noch gelernt, sich Zeit zu nehmen. Schon die Kinder würden in der Zeit, die ihnen die Schule lässt, verplant von Eltern, die wie Helikopter über ihren Häuptern schweben samt Anbieten von Chauffeurdiensten. Der geplagte Multifunktionierer verkomme zur Couch-Potato, die nur noch auf und an Geräten herumdaddelt. Man wolle jetzt Kontakte nicht mehr 2.0 auf dem Bidschirm haben, sondern im eigenen Wohnzimmer.

Ist das alles aber wirklich so? Und löst der arbeits-, freizeits- und mediengestresste Mensch sein Überforderungsproblem damit, dass er einfach mal aus dem Fenster schaut? Wahrscheinlich hätte er Schwierigkeiten, das in seinen Tagesablauf einzubauen. Persönlich empfehlenswert finde ich immer den Ansatz, nur wirklich wichtige Dinge an sich heranzulassen, unter anderem die, die getan werden müssen. Es gibt ja diesen Begriff des Abschaltens. Früher waren damit keine Geräte gemeint, sondern das innere Freimachen von Gedanken und Gefühlen und einfach nur zu sein. Ich gehöre zur angeblich glücklichen älteren Genration, die aber sehr wohl in das Medienzeitalter hineingewachsen ist. Fast alle Rentner, mit denen ich in diesem Jahr gesprochen habe, hatten viel weniger Zeit als vorher. Meist führten sie berufsähnliche Dinge weiter, von denen sie sich nicht lösen konnten. Das tue ich nicht, und trotzdem habe ich das Gefühl, noch weniger Zeit zu  haben als in den Jahren, in denen ich gearbeitet habe und eine Familie hatte. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich in den letzten Jahren
zwischen Beruf, Medien und Beziehung auch noch so viele Bücher schreiben konnte! Dabei entsprechen meine Freizeitinteressen durchaus denen mit dem  "langen Atem", taten sie schon immer. Zum Wandern, Reisen, Fotografieren, Lesen, Schreiben, Schwimmen und Kochen braucht man Zeit. Wenn man nebenher twittert, telefoniert oder sonstwie medienaffin agiert, verwischt sich das Ganze. Wenn ich koche und nebenher Mails schreibe oder chatte, brennt mir das Essen an. Ich glaube, dass man nichts wirklich Wichtiges aufgeben, sondern wieder das Nacheinander lernen muss. Zeit für Medien und Telefonate, Zeit für für die Arbeit (und dort nicht Pokemon spielen, das kann böse enden!), Zeit für Hobbies, für Verwandte, Freunde und sich selbst. Ausgewogenheit ist das Stichwort, es sollte kein Gebiet unter den Tisch fallen oder überhand nehmen. Und außerdem wichtig finde ich, dass man seinen Selbstwert nicht an der Zahl der Facebookfreunde, der Likes und sonstigen Rückmeldungen festmacht, sondern an der Stellung, die man sich insgesamt in der Welt geschaffen hat.



Samstag, 20. August 2016

Kleine Reisefluchten und Abenteuer

Portal des Erfurter Doms
Kaum waren wir zurück von einem mehrtägigen Kulturtripp, meldete das Fernsehen, dass eine halbe Million Besucher auf der Gamescom  in Köln gewesen sei. Youtube-Filmemacher würden gefeiert wie Popstars, und mit neuen speziellen 3D-Brillen könne man in nie gesehene Parallelwelten eintauchen. Ich kann das sehr gut verstehen, dass man neue, aufregende Parallelwelten braucht, wenn die reale Welt so grau und langweilig geworden ist! Und ich sehe auch Übereinstimmungen bei der alten und der jungen Generation. Der Mensch braucht mehr als körperliche Versorgung, Beschäftigung und Zuwendung, nämlich Abwechslung und Anregung, um nicht in lähmende Gewöhnung zu verfallen. Ich selbst lebe ja seit langen Jahren in der Parallelwelt des Schreibens und des virtuellen Austauschs. Und bekanntlich versuche ich auch seit langen Jahren, immer wieder daraus hervorzubrechen und die bald verlorenen letzten Paradiese zu finden. Auch in einer übervölkerten autobesessenen Nation musste es doch möglich sein, ein paar Orte zu entdecken, an denen die berühmte Seele noch ein wenig baumeln kann. Und wo man etwas anderes erlebt als an den übrigen 360 Tagen des Jahres. Es war der gefühlte zehnte Versuch. Tasche gepackt, raus aus dem Haus auf die Autobahn. Ziel: Die unbekannte Saale, mit ihrer anderen Landschaft, fremden Städten, Burgen und Menschen. Innerhalb dreier Stunden erreichten wir Meiningen in Thüringen. Dorther stammt der Urvater meiner Familie, ein Gastwirt zum Wilden Mann namens Luz, verbürgt für das Jahr 1521. Er dürfte den Bauernkrieg noch erlebt, wenn nicht überlebt haben. Beim ersten Besuch dieser Stadt (vor acht Jahren) gelangten wir auf einen weiten Platz mit einer Kirche und einem Rathaus. Außer ein paar angetrunkenen Jugendlichen befand sich
niemand dort, zu essen bekamen wir irgendetwas Grauenhaftes von einem Chinesen. Aber es lag ein etwas angestaubter Zauber über diesem Ort. Diesmal kamen wir gar nicht erst hinein, alles voller Baustellen und umherirrender Autos.

Schnell weiter nach Schmalkalden, bekannt wegen des Schmalkaldischen Krieges. Auch dieser Ort war uns vertraut. Damals ein altes Schloss mit Schlossführer und Geschichten über Iwein, stille, zu stille malerische Gassen, ein Café, ein, zwei Restaurants. Dazu viel über Luther und Geschichte. Diesmal quoll der Ort über vor Tausenden von Touristen. Wie das, an so einem "langweiligen" Platz? Der Grund wurde schnell ersichtlich: Viele neue Hotels und Gaststätten in alten Gemäuern, Eisdielen noch und noch, Andenkenläden, eine Touristenbahn, Schmuck- und Kleidergeschäfte. Das machte einen überaus heiteren und neuartigen Eindruck, dazu noch das bombige Wetter bei 21-23°. Wir quartierten uns im Hotel "Patrizier" aus dem 16. Jahrhundert ein, in einer nicht gerade billigen, aber herzoglich eingerichteten Suite mit Alkoven und imitierten Louis - IV-Stühlen. Beim Abendessen auf dem Marktplatz war der ganze Spuk schon verschwunden, ein kalter Wind kam auf und gegen 22.00 wurden sämtliche Bürgersteige hochgeklappt. Wir tranken Bier in der Suite, hingen aus dem Fenster und lauschten gebannt dem Nachtleben dieser wunderbaren Stadt. Gegenüber hinter einem Fenster saß ein Mensch in einem Flur und schaute anscheinend auf einen Fernseher, der aber nicht zu sehen, redete mit einem Menschen, der nicht zu hören war und verschwand manchmal durch eine Tür. Irgendwann sah man gelbliche Knochen auf dem Boden liegen, aber in Wirklichkeit war das ein schlafender Hund, der nicht mal mit den Pfoten zuckte. Im Zimmer schrie ein Kind, ein anderer Mann wurde sichtbar. Unten auf der Straße näherte sich eine Frau, richtete eine Taschenlampe auf einen Zettel des Nachbarhauses, schrieb etwas auf, leuchtete wieder mit der Taschenlampe, schrieb wieder etwas auf. Dann schaute sie sich vorsichtig um und stöckelte weiter. Eine Fledermaus flog fast in unser Fenster hinein. Mit das Beste am Reisen ist übrigens immer das Hotelfrühstück, die Beeren, Früchte, Yogurts, Brötchen, Säfte, Brotsorten, der Speck und die Rühreier, die Frikadellen, die Wurst und der Käse treiben überall die Zimmerpreise in die Höhe.

Nun waren wir ernsthaft gewillt, die Saale mit ihrem hellen Strande, ihren Burgen, Städten und fremden Menschen zu erreichen. Fuhren endlose Umwege, da überall gesperrt und nicht richtig umgeleitet wurde. Ob die anderen das mit ihren Navis schafften? Offensichtlich nicht, denn es waren genügend gestresste und wütende Gesichter zu sehen. Allerdings wird in Thüringen nicht genötigt beim Autofahren, und auch sonst sind die Menschen sehr zuvorkommend und herzlich. Um es gleich vorwegzunehmen: Wir erreichten die hellen Strände der Saale niemals! Der Thüringer Wald wirkt auf uns verwöhnte Älbler und Schwarzwälder wie ein Holzanbaugebiet. Alternativ landeten wir beim Erfurter Dom, einem gewaltigen Meisterwerk mit gotischer Kathedrale gleich daneben. In Erfurt hatten wir schon zauberhafte Stunden verlebt. Jetzt war es rappelvoll, der Domberg war mit Theatergerüsten, blauen Kunstoffhütten und Kinderrutschen verstellt. Also die Kirchen besichtigt, einen Cappuccino genommen und hurtig die Flucht ergriffen. Weiter ging es zügig nach Süden, alle Schilder über der Saale helle Strände ignoriert, da die Landschaft des Erfurter Beckens flach, grau und staubig wirkte. Einzig der Städte wie Weimar, der Bachstadt Arnheim, Eisenach und einiger anderer wegen lohnt sich ein Besuch dieser Gegend. Und freie Unterkünfte gibt es auch in der Hauptreisezeit; das beste und beliebteste Essen ist die Thüringer Bratwurst.
Erfurter Dom
Bamberg
Eine relativ freie Autobahn brachte uns in immer grünere Gefilde. Fichtelgebirge, Frankenwald, Bayreuth, Kulmbach, ein Abstecher ins feierabendliche, pulsierende, Bamberg, das wie ein begehbares Mittelalter wirkt. 

Der Verkehr und die Umleitungen schleuderten uns von einem unbekannten Ort zum anderen. Völlig entkräftet hielten wir im bezaubend-verschlafenen Kurstädtchen Bad Windsheim an, um eine Unterkunft zu suchen. Wieder war es ein herrschaftliches Haus namens "Reichstatt", sehr liebevoll und elegant mit einem Spaliergärtchen und Balkons ausgestattet. In dieser Stadt wurden allerdings schon um 21.30 die Stühle hochgeklappt, und wer wie wir dann noch nicht schlafen gehen will, der muss sich
Bad Windsheim
mit einer Bar begnügen, in der die Dartpfeile flogen und kichernde Mädchen vor der Tür rumhingen, bis der Besitzer kam und zur Ruhe mahnte, was auch sogleich befolgt wurde. Auch in diesem Hotel das traumhafte Frühstück, bereichert durch diverse Salate. Ein Rundgang am sonnigen Morgen bestätigte den Einduck: ein wunderschönes fränkisches Städtchen mit unverdorbenem Lebensstil und netten Menschen. Wer Ruhe sucht, wird sie dort ganz gewiss finden!

Die letzte Etappe führte durch das Taubertal, nun wieder allmählich der Heimat zu. Flache, bewaldete Bergrücken, Weinterassen, Steinriegel, dann wieder kleine Seen, uralte Gemäuer und Brückenheilige, Schmetterlinge, Blumenwiesen und Ruhe. Allerdings geht die Ruhe so weit, dass die Gasthäuser ihre Köche schon um 13.00 nach Hause schicken, weil eh kaum noch jemand kommt. Das Paradies wird durch Entzug der Lebensgrundlagen, nämlich des Tourismus, erkauft. Und es ist ein wahres Paradies!
Röttingen
In Röttingen, von einer alten Stadtmauer umschlossen, gibt es Tore und Winkel, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Und alles überschattet von dem großen, uns sehr bekannten Rothenburg, das von Bussen und Touristen aus aller Welt tagtäglich zu Tausenden gestürmt wird. Man muss nur ein paar Schritte hinuntergehen und steht in einem Tal mit einem Himmel, der weiter und höher wirkt als der unsrige. Nicht umsonst hat der Dichter Eduard Mörike Bad Mergentheim zum Wohnsitz erwählt, denn im Tauberta sei das Klima günstiger. Hier regne es viel weniger als anderswo, erklärte uns heiter ein Mann, deshab gedeihe auch der Win so gut. Dort sollte man ein Häuschen haben, im Garten sitzen, nachdenken, schreiben, basteln, kochen, radfahren, mit dem Nachbarn schwätzen und ab und zu in die große laute Welt eintauchen, die reale und die virtuelle. Und sich dazwischen hin - und herbewegen wie ein Aal im glasklaren Bach. Oder wie ein Vogel, der ohen Rücksicht auf heimatliche Bande immer wieder nach Süden fliegt.

Rothenburg o.d. Tauber






Montag, 15. August 2016

Heute schon gekleckert?

In diesen Hochsommertagen sind wir als Bürger, die der Arbeitsfront entronnen sind, viel unterwegs. Da lässt es sich nicht vermeiden, bei einem Ausflug dann am Abend den knurrenden Magen füllen zu müssen. Ich gebe einmal drei Beispiele zum Besten: Neulich, im fränkischen Weißenburg, kamen wir am Nachmittag an, mit nur einem Croissant im Magen, den eine mürrische Bäckerin uns um 12.00 servierte, während die Kollegin schon draußen die Stühle mit einer Kette verriegelte. Fast zittrig vor Hunger liefen wir in einer Gaststube ein, die endlich um 18.00 geöffnet hatte. Es gab zweierlei Braten, nämlich Schweine- und Kalbsbraten mit dunkler Soße, Salat und Kartoffelknödeln. Normalerweise schaffe ich nur einen halben bis einen Knödel, diesmal waren es zweieinhalb. Und - es passierte nichts! Es ist nämlich so, dass mir manchmal ein kleines Malheur, besonders mit Soße und Salat, passiert. Schon als Fünfjährige in den Familienferien an der Nordsee musste ich mit Sonderlätzchen essen, daran erinnere ich mich noch genau. Vorgestern gab es wieder Salat, und zwar einen Kartoffelsalat vom Feinsten, in einem Gasthaus in der Nähe, das seit Jahrzehnten allerbeste Qualität liefert. Den Kartoffelsalat geben die Schwaben gern dem gemischten Salat zu, selbst wenn er als Beilage zu Linsen, Spätzle und Saitenwürstle dient. Dieser war die Beilage zu einem kleinen Schnitzel mit Pommes. Und siehe da, natürlich purzelte etwas Kartoffelsalat auf meine Hose. Besorgte Blicke meines Gegenübers. Die Flecken kann man, wenn es warm ist, später an einem Brunnen auswaschen. Und es hat auch keiner gemerkt. Drittes Beispiel: Ein Gasthaus an der Oberen Donau, das uns bisher ebenfalls nie enttäuscht hatte. Eine Salatpatte von der Reichenau, das klang gut und war dem heißen Wetter angemessen. Zu meinem Entsetzen waren der Karottensalat und der Krautsalat süß! Da steckten auch irgendwelche Obstbrocken aus der Dose drin. Dafür war der Kartoffelsalat sauer. Vor lauter Schreck fielen mir gleich bei den ersten Bissen Kartoffel- und Möhrensalatteile in den Schoß. Strafende Blicke meines Gegenübers. Doch dann musste er zugeben, dass dieser Salat wirklich verhunzt war. Doch das Kleckern, sah das nicht irgendwie behindert aus? Haben nicht schon alle rübergeschaut, weil diese Dame sich einfach nicht benehmen kann? Trotz hängender Nase gab ich der Bedienung auf die Frage, ob es recht gewesen sei, zur Antwort: Der Kraut- und der Karottensalat waren zu süß. Mit süßsäuerlicher Miene trug sie die Reste in die Küche und kam zurück mit dem Bescheid: Der Karottensalat sei mit Ananas angemacht gewesen. Andere Gäste hätten das heute schon vielfach gegessen und sich nicht beschwert. Und wieso der Krautsalat ...? Das hätte sich wohl vermischt, ein Wort gab das andere, wobei die Haltung gewahrt bleiben musste. Wir dampften ab mit dem Plan, dieses Gasthaus nie wieder zu besuchen.

Der langen Rede kurzer Sinn: Heute wollte ich herausfinden, was es mit diesem Kleckern eigentlich auf sich hat. Und stieß natürlich sofort, nein, nicht auf eine Studie, sondern auf den Erfahrungsbericht eines Journalisten, der zugibt, bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten zu kleckern. Das große Kleckern Es liege nicht an persönlicher Schussligkeit, lese ich da, sondern an der Fast-Food-Mentalität. Immer schnellschnell alles und natürlich sofort, Essen auf der Straße ist mega-in. Da könnte was dran sein, denn wenn ich früher einen Döner aß, schüttelte sich mein Sohn immer aus vor Lachen. Sollte ich die Kartoffelscheiben vielleicht lieber aufspießen, statt sie auf der Gabel zu balancieren? Und mir für Soßen und Salat einen Löffel geben lassen? Bei bäuchigen Menschen lande das Kleckergut waagerecht, bei Schlankeren meist auf der Hose, schreibt der Journalist. Und die Queen vermeide es grundsätzlich, Spagetti zu essen, womit sie sich um einen der Genüsse unserer Welt bringe. Ich habe auch aufgehört, mir weiße Soße auf den Döner geben zu lassen. Und ich werde nie wieder einen Berliner mit Messer und Gabel essen, auch wenn die Bedienung das Besteck auffordernd neben den Teller legt. Das war vor längerer Zeit im Schwarzwald. Und ja, zuguterletzt noch die Story beim Griechen, als der Saft der Zitrone, die ich hoffnungsvoll über dem duftenden Fisch ausdrückte, im Auge meines Gegenübers landete. Hahaha! Darüber lachen wir noch heute.
Wenn das Sitzen zu viel wird