Donnerstag, 21. September 2017

Reisen

Ich plane einen Blogartikel über dasWegfahren, Flüchten und Standhalten, habe jedoch noch nicht die Zeit dazu gefunden. Als Hinweis dazu schon einmal ein Gedicht von Gottfried Benn, das ich mal auswendig gelernt hatte und seitdem manchmal vor mich hinsage.

Gottfried Benn
REISEN
Meinen Sie Zürich zum Beispiel
sei eine tiefere Stadt,
wo man Wunder und Weihen
immer als Inhalt hat?
                                                         
Meinen Sie, aus Habana,
weiß und hibiskusrot,
bräche ein ewiges Manna
für Ihre Wüstennot?


Bahnhofstraßen und Rueen,
Boulevards, Lidos, Laan –
selbst auf den Fifth Avenueen
fällt Sie die Leere an –

ach, vergeblich das Fahren!
Spät erst erfahren Sie sich:
bleiben und stille bewahren
das sich umgrenzende Ich.

Samstag, 9. September 2017

Ein Tag der Abenteuer

Kann man heute eigentlich noch Abenteuer erleben?. Ich meine so richtig mit Spannung, Gefahr und neuen Erlebnissen, mit allen Sinnen? Man kann sich 3D-Brillen oder noch Neueres aufsetzen und sich in spannende 3D-Erlebnisse versetzen lassen, sogar mit Schief-und Rüttellage. Oder man geht in den Supermarkt und guckt auf seinem Smartphone nach, was im Kühlschrank fehlt. Bald wird man durch die Scheibe seines Autos die Stadt, durch die man fährt, wie vor 500 Jahren sehen. Abenteuer (-Urlaub) kann man buchen, Gespenst und Mörder beim Krimi-Dinner inklusive. Jede Sonnenfinsternis, jeder sich verdunkelnde Mond, jedes außergewöhnliche Naturereignis wird zum Abenteuer-Event verklärt. Ich selbst gehöre zur Generation derer, die mit Abenteuern und Abenteuerbüchern aufgewachsen sind. Da gab es den Berg, die Insel, das Tal, die See, das Schiff, die Burg, den Zirkus und den Fluss der Abenteuer. Abenteuer waren möglich, indem man per Anhalter und mit Zelt durch Deutschland, Europa und die Welt gezogen ist. Natürlich gibt es heute noch die geistigen und ideellen Abenteuer, beim Ausüben einer künstlerischen Tätigkeit etwa, beim Erforschen und Recherchieren für die Bücher. Für mich ist das Wichtigste das Erleben einer Sache, einer Begebenheit, nicht das Konsumieren einer noch so gut gemeinten vorgefertigten Angelegenheit.
 
Manchmal beneide ich die Archäologen und Historiker. Sie graben vergangene Welten aus, gewinnen großartige Erkenntnisse über vergangene Zeiten und sind somit eigentlich Schatzgräber, Abenteurer der Moderne. Für das Ausgraben hätte ich natürlich keine Geduld, wohl aber dafür, mir die Ergebnisse anzuschauen. Wir kennen die Höhlen der schwäbischen Alb mit ihren sensationellen Funden, wir haben das Keltenmuseum mit der Grabstätte des Fürsten von Hochdorf erlebt, die Heuneburg und den Runden Berg bei Bad Urach. Nach Auschecken aller Museen in Baden-Württemberg entdeckte ich das Franziskanermuseum in Villingen, das ebenfalls eine keltische Ausgrabung enthält. Gestern entschlossen wir uns, einfach mal wieder dorthin zu fahren, um etwas außerhalb des üblichen Dunstkreises zu erleben. Wie durch ein Wunder sausten wir unbehelligt die Autobahn nach Singen hinunter, und wie durch ein Wunder umfuhren wir haarscharf einen Stau in Villingen und landeten stante pe auf unserem bekannten Parkplatz vor einem der vier Stadttürme. Mein Begleiter wollte sich in einem alternativen Musikladen umschauen, etwa hundert Meter entfernt steht das Franziskanermuseum. Der Eintritt ist frei, außer zu den Sonderausstellungen. Ich war die einzige Besucherin zu der Zeit. Erst einmal geriet ich in einen alten Kreuzgang des Klosters und in den Kapitelsaal mit sakralen Gegenständen und Geigen aus dem Schwarzwald.




Dabei öffnete ich eine geheimnisvolle Glastür, die zum Refektorium führen sollte. Fast völlige Dunkelheit umfing mich, ich konnte nur verschiedene Säcke auf dem Boden ausmachen. Irgendwie fühlte ich mich beobachtet. Und dann, oh Schreck, da stand jemand an der Wand!


Diese Fasnetsfigur hatten sie sicher zu diesem Zweck dahingestellt, nämlich um Leute wie mich zu erschrecken. Das Refektorium hatte eine sehr schöne Stuckdecke, alles war aber noch im Aufbau. Über eine Rampe mit skurrilen Arbeitsgeräten ging es dann zum Keltenpfad. Ende des 19. Jahrhunderts wurde auf dem Magdalenenberg bei Villingen ein Fürstengrab ausgehoben, dessen Holzverschlag original zu besichtigen ist. Dazu viele Requisiten, Knochen, Gebrauchswerkzeuge, Waffen und Schmuckstücke. Der Magdalenenberg war auch einer der berüchtigten Hexentanzplätze. So soll im Jahr 1633 (die Zeit, in der ich gerade für meinen Roman recherchiere) eine junge Frau unter Folter gestanden haben, beim Keltengrab mit dem Teufel getanzt zu haben. Sie wurde als Hexe verbrannt.

In der Färbergasse vor dem Musikgeschäft trafen wir uns wieder. Mein Begleiter hatte inzwischen eine Seitenstraße erkundet und dabei nicht nur unzählige Geschäfte, Bars, Bistros und Restaurants entdeckt, sondern auch eine Tapas-Kneipe, in der wir uns draußen unter inzwischen blauestem Himmel Tapas servieren ließen, ganz kreativ zubereitet: Eine Schale mit Feigen, Serrano-Schinken, Cocktailtomaten, Rucola und gehobeltem Parmesankäse, eine andere mit großen und kleinen Muscheln, eine dritte mit Thunfischsalat. Dazu eine kühle Johannisbeerschorle. Warum sollten wir eigentlich noch nach Spanien fahren oder an einen dieser Touristenorte, in dem sie sich drängelnd aneinander vorbeischieben? Warum noch auf eines dieser kommerzialisierten Stadtfeste gehen, wo man nur noch rote Wurts mit harter Haut und gummiartigen Schaschlik bekommt? Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ging ein junger Mann vorüber. Ich dachte, er rede mit sich selbst oder mit seinem Handy. Nein, er schrie einem Passanten nach: "Ich hol gleich mein Messer und stech dich ab, dann hänge ich dich dort oben auf! Ich bring dich um!" Der Passant machte, dass er weiterkam. Der seltsame Typ schaute auch zu uns herüber und verschwand dann in einer Seitengasse. Beunruhigt holten wir den Wirt und einen Gast, aber der Kerl war schon verschwunden. Das habe sicher etwas mit Drogen zu tun, meinte der Wirt. Wir ließen es uns nicht verdrießen und gingen kurze Zeit später dieselbe Gasse hinunter. Angela Merkel grinste uns schon von einem Plakat entgegen. Aber dann gab es wieder Bücher und ein Bücher-Telefonhäuschen und eine uralte Frau in buntem Gewand, die uns bat, sie einige Schritte bis zum nächsten Geschäft an die Hand zu nehmen. Dort würde sie abgeholt. Sie war federleicht. Ach, wie bin ich früher in den Alpen herumgeklettert, meinte sie seufzend. Und letztes Jahr konnte ich auch noch gut laufen, aber jetzt, mit neunzig ...
Villingen ist eine der lebendigsten Städte des Südwestens und immer eine Reise wert, allein die vielen Brunnen mit den Fasnetsfiguren tragen zu dem unnachahmlichen Flair bei.


Mittwoch, 30. August 2017

Wanderungen in Frankfurt und über die schwäbische Alb

"Daheim sterben die Leut’" - dieser Film aus den achtziger Jahren fällt mir ein, wenn ich mir ein mögliches Motto für mein Leben überlege. Dabei ist der Titel eher irreführend. Denn ich denke dabei daran, dass man versauert, verbauert, verhockt und mit Spinnweben überzogen wird, wenn man nicht innerlich und äußerlich mobil bleibt. Der filmdienst schrieb damals, der Streifen sei ein kaleidoskopartiger, ideenreicher Heimatfilm von boshaftem Charme. Für mich bedeutet es die uns innewohnende Möglichkeit, unseren Krötenbrunnen von Zeit zu Zeit zu verlassen und über dem Rand neue Ausblicke auf die Welt zu erhalten. Nicht vergessen sollte man auch, dass das extreme Fehlen von äußeren Reizen zu sensorischer Deprivation führen kann, in den meisten Fällen aber zu gähnender Langeweile in den eigenen vier Wänden.

Diesmal war es für mich, nach einem Jahr der Eisenbahn-Abstinenz, ein kleines Familientreffen in Frankfurt, das mir diese Gelegenheit bot. Ich war gespannt darauf, wie sich die Verhältnisse bei der deutschen Bahn inzwischen entwickelt hatten. Gottseidank kann ich mir inzwischen die Karte und die Reservierung am Computer ausdrucken, anstatt eine Stunde bei einem überforderten Beamten auf dem Provinzbahnhof zu stehen. Die Kulturbahn zwischen Nagold und Pforzheim war wie immer überfüllt, der Bahnhof Pforzheim immer noch eine gigantische Baustelle. Umsteigen in Karlsruhe und Mannheim, die Fahrt vom Rheintal-Tunnelskandal unberührt. Schön auch, dass ich in meinem neuen Reader selbst dann lesen konnte, wenn ich stehen musste. In Frankfurt Hauptbahnhof, der im Lauf der Jahre schon zur Heimat geworden ist, stürzte mir dann das pulsierende Leben entgegen, Lautsprecher hallten, fremde Sprachen und Gesichter rauschten an mir vorüber. Der Himmel hatte sich inzwischen  tintenblau verfärbt, in der Straßenbahn ging das große Plattern los, senkrechte Blitze zischten über den Himmel, dem ohrenbetäubende Donnerschläge folgten. Mein Sohn David bewohnt eine schöne große Wohnung in der Rotlindstraße im Nordend. Es ist das Viertel, in dem philosophische Größen wie Habermas, Adorno und Horkheimer gelebt und gewirkt haben. Was mir an den Großstädten so gefällt (wenn es nicht gerade regnet): die vielen kleinen Geschäfte, Restaurants,  Kneipen und Biergärten, überall Menschen, die flanieren oder in den Cafés herumsitzen und plaudern (oder natürlich auf ihre Smartphones starren). Wo sonst gibt es so schöne, frische, saftige und preisgünstige Lammkotletts für den Grill wie beim Türken um die Ecke? Nur in der Großstadt!

                                             Wanderung durch Frankfurt

Am anderen Morgen knallte die Sonne von einem Himmel mit Wattewölkchen. Die Mainmetropole ist von einem inneren und einem äußeren Grüngürtel umgeben. Dank des alternativen Stadtführers "Frankfurt zu Fuß" hatte David jüngst die "Schwandorfer Heide" entdeckt. Inzwischen war auch der Schwager aus Hamburg eingetroffen - mit einem großen geräucherten Aal, Reminiszenz meiner norddeutschen Jugend. Wir fuhren mit der S-Bahn nach Westen Richtung Höchst und wanderten erst einmal durch einen schattigen, pilzreichen Wald. Anders erreicht man das Naturschutzgebiet mit Bus und Straßenbahn: Schwanheimer Düne.  Es ist keine wirlich spektakuläre Landschaft, aber ein seltener und erhaltenswerter Naturrraum. Die Düne bildet sich aus dem Mainsand, der hier einst ausgeworfen wurde. Dabei entstand eine Silbergrasgesellschaft mit Pflanzen wie dem Natternkopf, der aus dem Mittelmeerraum eingewandert ist. Dazu Seen und Kiefern, deren Zweige tief herabhängen. Ein Holzbohlenweg führt über das Gelände. Die Schwanheimer Düne (Pfanzen) sei einzigartig in Europa und nur noch in Polen ähnlich zu finden.

                                        
Der Weiterweg führt über eine freie Fläche mit Mais- und Sonnenblumenfeldern, bei ca. 29° ganz schön schweißtreibend. Als wir mit hängender Zunge zur Fähre nach Höchst gelangten, hatten wir etwa fünf Kilometer zurückgelegt. Dann ging es das kurze Stück über den Main in die Industriestadt Höchst. Sie hat einen sehr schönen mittelalterlichen Kern mit einem Marktplatz, Rathaus und  Renaissanceschloss.
Die Mainfähre in Höchst

Erfrischend: Holunderblütenschorle mit Eis und Pfefferminz

Der Marktplatz in Höchst
Vom Römer aus ging die Wanderung dann später noch weiter - durch eine Stadt, in der gefühlte Millionen von Menschen feierten. Die Paulskirche daneben, in der die deusche Demokratie 1848 ihren Anfang nahm. Das schöne Mainufer mit den Museen auf der anderen Seite, auf dem man stundenlang wandern kann. Abendessen im Nizza- Bereich, Vitello Tonnato  beim Italiener, später dann ein friedlicher Absacker in einer Kneipe der Rotlindstraße.
Das Mainufer


                                                                Der Palmengarten

Aber die Wanderung war noch gar nicht zuende. Am nächsten Tag ging es in den Palmengarten, den ich noch von früher her kannte. Der hatte sich gewaltig verändert, nur die Gewächshäuser waren noch in etwa dieselben. Es gab eine fantastische Fotoausstellung (Naturfotograf 2017, bis 27.8.), eine Kette der Dolomiten im Morgenrot zum Beispiel, oder so etwas:


Zu jedem Foto erzählt der jeweilige Fotograf eine Geschichte, wie es zu der Aufnahme kam. Dazu eine Ausstellung über die Neophyten, also die Pflanzen mit Migrationshintergrund, die seit Kolumbus 1492 bei uns eingewandert sind. Wer weiß schon, dass Kartoffeln, Tomaten und Mais aus der Neuen Welt zu uns kamen? Unter diesen Migranten entdeckte ich das indische Springkraut und den Riesen-Bärenklau. Letzterer ist hochgiftig und kann anderen Pflanzen, Tieren und sogar dem Menschen gefährlich werden. Das indische Springkraut wächst bei uns massenweise an den Ufern der Flüsse. Es bildet bis zu 4000 Samen, die sieben Meter weit in die Umgebung gescheudert werden. Und produziert so viel Nektar, dass die Bienen nur noch diese Nahrungsquelle anzapfen und andere Pflanzen leer ausgehen. Alles in allem geht es hier ruhig und zivilisiert zu, im Lindengarten bei einem kalten Getränk erklangen Trompeten- und Posaunentöne, ein Idyll wie zu Kaisers Zeiten. Wieder einmal fiel es mir schwer, mich von der Großstadt mit ihren Reizen, Düften und Angeboten jeder Art zu lösen. Ich hatte an dem Wochenende drei T-Shirts veschwitzt und war ca. 10 Km gelaufen.

                                             Wanderung über die schwäbische Alb

Am Montag dann das Kontrastprogramm. Wieder stöhnten die Menschen unter Temperaturen um die 30°. Auf den Hochfächen der Alb waren es noch gerade 25°. Eine unserer liebsten Traufwege ist der Wiesenweg, den wir schon vor mehr als zwanzig Jahren entdeckten. Inzwischen gehört er zu den Traufgängen und damit zu einem der vielen Premium-Wanderwege der schwäbischen Alb. Es geht los am Wanderparkplatz Zitterhof oberhalb von Bisingen bei Balingen. Zunächst durchqueren wir eine heiße Gasse, flankiert von übermannsgroßen Maisfeldern. Dann geht es scharf nach rechts dem Waldrand zu. Am schönsten ist diese Wanderung im Frühling, jedoch bieten auch der Sommer und der Herbst immer neue Abwechslung an Farben und Vegetation. Einmal haben wir sogar im Winter auf einer Bank mit Aussicht gevespert. Am eindrucksvollsten ist hier stets der Himmel, der so nah scheint wie sonst nur in Oberschwaben. Bald tauchen wir unter das Blätterdach des Traufs (das ist ein Weg entlang am Abgrund, also an der Kante des Gebirges). Nach einiger Zeit erreichen wir den Gedenkstein an eine Bäuerin, die im Jahr1889 an dieser Stelle abstürzte.

Meine Nachforschungen ergaben, dass es die Bäuerin vom Zitterhof war, die von Bisingen heraufkam und sich im Nebel verirrte. Sie hatte Bekannte oder Verwandte besucht. Das Schicksal dieser Frau ist uns seitdem nicht mehr aus dem Kopf gegangen, gab sogar Anlass für Kurzgeschichten und Romanfiguren. Bald erreichen wir den Aussichtspunkt auf den Hohenzollern, mit zwei normalen Bänken und einer Wohlfühlbank.

Burg Hohenzollern, vom Irrenberg aus gesehen
Gesicht, in einen Baum geschnitzt

Auf dem Weiterweg gelangen wir zu einem Hochbehälter und zum Naturschutzgebiet Hundsrücken. Hier findet man im Frühjahr die blauen Frühlingsenziane, seltene Orchideen, später u.a. die Trollblume mit den gelben kugeligen Blütenköpfen. Das Größte aber ist der Himmel, das Nachhaltigste ist die Stille, die uns umgibt. Auch auf dem geteerten Rückweg (Abkürzung, 5 Km), auf dem nur wenige Radfahrer und Wanderer unterwegs sind. Der Entspannungs- und Erfahrungswert solcher Wanderungen ist meiner Ansicht nach höher als das Ansteuern von exotischen Zielen, das ja immer mit dem zivilisatorischen Stress verbunden ist. Es sei denn, man erkundet fremde Länder auf nachhaltige Art, anstatt am deutschen Pool Caipirinhas zu süffeln.



Donnerstag, 24. August 2017

Neue Lust auf Leben

Die Ereignisse der letzten Zeit könnten dazu führen, dass ich mich wie gelähmt fühle und nicht mehr weiß, wohin die Welt eigentlich steuern wird. Es waren nicht nur die Anschläge von Barcelona und andere niederschmetternde Nachrichten wie Verhaftungen von Journalisten, sondern auch ein Unfall, der sich hier bei uns ereignete und uns tagelang beschäftigte. Ein Müllwagen war ungebremst von einem Industriegebiet abgebogen (wahrscheinlich ein technischer Defekt), war umgefallen und hatte eine ganze Familie unter sich begraben. Zweitausend Trauergäste haben am vergangenen Samstag Abschied von diesen jungen Menschen genommen. Dazu kam ein Mord an einem türkischen Mitbürger, der in der Straße meines Lebensgefährten wohnte. Die Hintergründe dieser Tat wurden öffentlich nie aufgeklärt. Ausströmende Gasflaschen in Calw und in Belgien, leider auch strafrechtliche Übergriffe von Flüchtlingen in unserer Stadt, Übergriffe auf Menschen mit arabischen Wurzeln in Spanien. Einziger Lichtblick der Zeit war die Großdemonstration der Barceloner Bürger mit der Botschaft: Wir lassen uns nicht einschüchtern, wir wollen das Leben, das wir uns ausgesucht haben, weiterführen!

Wie soll man unbeschwert weiterleben, wenn die Welt, die wir kannten und liebten, sich so sehr verändert hat? Man kann die Augen nicht vor diesen Prozessen verschließen. Doch ist - wie immer - Angst ein schlechter Ratgeber. Wir haben vorgestern ein Bilanzgespräch geführt. Was ist persönlich für uns anders geworden, warum waren wir früher so neugierig auf alles, was hinter der nächsten Ecke stecken könnte? Es war nicht allein mein Schreiben, was vieles in den Hintergrund gedrängt hat. Was hat sich beim Reisen verändert, das uns früher nach Frankreich, Spanien, Italien und in fast alle deutschen Regionen führte? War es der Raubüberfall auf dem Campingplatz der spanischen Mittelmeerküste, als nachts unser Zelt direkt neben uns aufgeschlitzt wurde? Dass wir seitdem nie mehr gezeltet haben? Ist es der Klimawandel, der uns immer mehr Extremwetter bringt? Das alles reicht nicht aus. Wir haben das, was uns früher angetrieben hat, zum Teil verloren. Was war es denn, was wir früher anders gemacht haben? (Diese Fage stellte ich auch immer gern meinen Klienten, und manche haben es auch geschafft, vergrabene Talente und Gefühle wieder auszugraben). Wir haben Städte besucht, sind gewandert und gefahren, haben Pilze gesammelt, fotografiert und sind zu Musikveranstaltungen gegangen. Haben uns politisch und sozial engagiert. Das alles hat seinen Glanz verloren, auch wenn es in Ansätzen noch vorhanden ist.

Während einer Wanderung vor einer Woche auf dem Klippeneck begegneten uns zwei Pilzsammler, die Hände voller Habichtspilze und goldgelber Korallen. Einen vermeintlichen Champignon identifizierte ich als kleinen Flaschenbovist. Das sind nun nicht gerade die Sorten, die wir gerne sammeln und essen. Der Habichtspilz ist leicht bitter, die Koralle kann man mit der Bauchwehkoralle verwechseln. Die Sammlerin wollte die Habichtspilze trocknen und in ihre Soßen geben. Trotzdem war das eine Initialzündung. Ich schlug meinem Partner vor, am nächsten Tag in den Überberger Wald zu gehen und zu schauen, was sich da an Pilzleben tut. Und es war ein voller Griff in dieses Leben. Hunderte von Täublingen, viele Blutreizker, drei kleine Steinpilze und der Hammer: Eine Krause Glucke! Die kenne ich noch von meinem Vater her, und es ist einer der besten Speisepilze, die ich je verzehrt habe! Die habe ich in Röschen zerteilt, die Erde rausgewaschen und zusammen mit den Steinpilzen, etwas italienischem Rohschinken, Zwiebeln und Sahne geschmort und mir auf der Zunge zergehen lassen. Gestern waren wir wieder in der näheren Umgebung unterwegs. Wenn man nur die Augen aufmacht und die großen Straßen verlässt, kann man Dinge in Gegenden endecken, die man bis zum Überdruss zu kennen meint. Es war die Dießener Burgruine im Dießener Tal (bei Horb). Sehr schön restauriert, auch für Freilichtspiele, umgeben von mächtigen Esskastanien. Unten eine Handvoll Häuser mit überbordenen Blumenrabatten und Fleischtomaten, darunter das "Horber Haus der Geburt" einer Hebamme, ein Schild neben der Tür, das zum Leben außerhalb der eingefahrenen Gleise auffordert. Bei einer anschließenden Wanderung stellten wir fest, dass die Natur das einzige ist, was sich nicht ändert und was nichts braucht außer Licht, Luft, Wärme, Wasser und Nahrung.

Samstag, 19. August 2017

Warum lieben die mich so?

In den letzten Jahren bekam ich in meiner Terrassenwohnung immer wieder Besuch von den verschiedensten Tieren. Ich selber halte keine, weil wir zu viel unterwegs sind und ich vor allem in den Schreib - und Arbeitsphasen meine Ruhe brauche. Acht Monate lang war es eine weiße Katze, die ich sehr ins Herz gechlossen hatte. Sie hatte es sich in den hübschen Kopf gesetzt, bei mir wohnen zu wollen und von mir versorgt zu werden. Es kam zu dramtischen Szenen, die ich seinerzeit festgehalten hatte. Dann war da mal eine Kröte, die an einem Sommerabend plötzlich unter meinem Sofa hervorkroch. Sie hatte sich wohl vor der Hitze in meine Wohnung geflüchtet. In diesem Sommer, seit einigen Wochen, sind es zwei Grillen, die immer wieder meine Nähe suchen. Eine ist braun, die andere ein grünes Heupferdchen. Wann immer ich ahnungslos dasitze oder stehe, in einem Buch lese oder am PC arbeite, tauchen sie wie aus dem Nichts auf. Besonders die braune. Plopp, da sitzt sie neben mir, oder an der Wand, oder auf meinem Computer, oder sie zirpt unablässig unter dem Sofa.
Daneben scheinen die Nachbarn eine neue Katze zu haben. Leider werden diese Nachbarskatzen immer wieder überfahren, obwohl wir in einer sehr ruhigen Gegend wohnen. Diese ist eine getigerte, ziemlich magere Katze. Zweimal hat sie schon neugierig meine Wohnung durchforscht. Heute aber schlug es dem Fass den Boden aus. Ich weiß, dass Katzen Freundschaftsgaben zu denen bringen, die sie mögen. Aber mit so einer Gabe hatte ich nicht gerechnet. Ich kannte tote Spitzmäuse, die vor meiner Haustür lagen. Heute war es eine mit einem abgebissenen Kopf und daneben noch so eine undefinierbare Wurst. Das lag auf meinem alten Korbstuhl. Ich entsorgte das mit grummelndem Magen, denn auf dem Herd brodelte eine Maultasche, die ich verzehren wollte, bevor wir uns mit Sohn und Freundin in der Stadt treffen. Da taucht die Katze auf, das heißt, sie eilt hinzu, guckt mich mit Riesenaugen an und fragt, wo denn die Maus sei. Springt auf den Korbstuhl, den ich gerade wieder und wieder mit Wasser begieße. Sie macht Anstalten, in die Wohnung zu schlüpfen, wohl, um sich mit mir statt des entgangenen Mäusebratens die Maultasche zu teilen. So einen Fehler will ich nicht noch einmal machen. Ich lichte sie im Wegrennen ab. Wenn das Wasser sie nicht gestört hat, dann der Fotoapparat, denn sie guckt, als wolle ich auf sie schießen, und veschwindet über die Bank nach oben zur Vermieterin.

Donnerstag, 3. August 2017

Der neue Kindle - ein Lob der Technik


Vor zwei, drei Jahren hatte ich schon mal einen Kindle Reader gekauft. Da ich selbst E-Books veröffentlicht hatte, wollte ich auch selber ausprobieren, wie sich auf einem Reader lesen würden. Es hat bloß damals nicht geklappt, weil ich keinen WLAN-Anschluss hatte. Ich brauche sicher nicht zu beschreiben, wie ich nach den telefonischen Anweisungen von 1&1 bei 30° unter dem Computertisch herumgekrochen bin und in den Kabeln wühlte. Schließlich hatte ich den Reader völlig entnervt meinem Sohn geschenkt, der ihn jetzt bei Flugreisen um die Welt als Zeitung nutzt. Inzwischen besitze ich ja ein neues Telefon und das WLAN (mit vielen Tücken und Pannen und Nervtoden durch Telekom serviert, wie berichtet!) Aber dann war alles in Ordnung und funktionierte, und dann war es an der Zeit, mir einen neuen Reader zu beschaffen. Und zwar den Kinde Paperwhite von Amazon. Es dauerte ca. 2-3 Stunden, bis ich das Wichtigste verstanden hatte, zum Beispiel auch Sonderzeichen für die Emailadresse einzutippen. Die damals von mir gekauften E-Books waren schon drauf (die hatte ich alle am Monitor gelesen). Mein erstes Buch, das ich heruntergeladen habe, war "Der Dichter des Teufels" von Tanja Schurkus. Weil ich von ihr mal einen sagenhaft schönen biografischen Roman über Matthias Claudius gelesen habe. Remember: "Der Mond ist aufgegangen ..."

Die Technik dieses Gerätes begeistert mich als T-Banause sehr. Es bringt auch Spaß, die Funktionen auszuprobieren. Gelesen habe ich darauf noch nicht, weil ich noch andere Print-Bücher zum Lesen habe. Der Grund für die Anschaffung war vor allem der, dass ich bei den vielen Kurztripps, die wir unternehmen, nicht immer so dicke Bücher mitschleppen will, besonders bei Bahnfahrten. Darüber hinaus mag ich diesen Kleindruck vor allem bei älteren Büchern nicht mehr entziffern -auf dem Reader kann die Schrift vergrößern und vor allem ohne die Tranfunzeln in vielen Hotels lesen, da er gut beleuchtet ist. Mir ist auch aufgefallen, dass die neuen Bücher alle eine größere Schrift haben und dadurch das Buch auch dicker machen. Last not least spare ich natürlich eine Menge Geld, wenn ich die Bücher, die ich bisher nach Hause schleppte, nun als E-Books lesen kann. Zwei Nachteile sehe ich dabei, eigentlich drei: Ich kann das Dingens nicht mehr ausschalten, dabei geht mit der Zeit auch immer was vom Akku verloren. Für unterwegs muss ich mir noch ein Extra-Ladegerät bestellen, bisher kann ich es nur am Computer aufladen. Was mich aber am meisten stört: Mir werden ständig, beim Aus - und Anmachen und zwischendurch andere E-Books angeboten und zwar solche, zu deren Zielgruppe ich überhaupt nicht gehöre, wie: "Liebesromane zum Mitfiebern" oder "historische Liebesromane zum Dahinschmelzen"!
Vielleicht ändert sich das ja noch, wenn ich meine Lieblingsbücher bestellt habe? Möglicherweise bekomme ich dann Angebote, die auf mich zugeschnitten sind. Auf jeden Fall ist das ein Schritt für mich, um gegen Ende des Jahres wieder zu veröffentlichen. Ich habe vor, die vier dann fertigen Bücher zu dem Zeitpunkt im Abstand von 3-4 Monaten zu veröffentlichen - in den Pausen kümmere ich mich um Lektorat und Korrektorat, und das wird bei zweien der Bücher nötig sein. Cover und neue Klappentexte brauche ich für alle, vielleicht sogar für meinen Mörike. Das würde dann etwa so aussehen:

1. Historischer Roman, 1632, Thema Hexenkinder
2. Historischer Krimi, 1787, Tübingen und Umgebung, "Wolfskind" (neues Cover, neuer Klappentext)
3. Zeitgenössich-historischer Roman, Thriller. 1934, 1969 Hamburg-Argentinien, Nazis und Neonazis
4. Jetztzeit-Krimi Schwarzwald (oder zuerst, weil Ende des Jahres das Schwarzwald-Thema durch den Tatort und das E-Book-Bundle vom Verlag wieder hochkommen wird).

                                                                     

Donnerstag, 27. Juli 2017

Kann Kreativität versiegen?

Kreativität gibt es schon so lange, wie Menschen auf der Erde leben. Unsere Ahnen wohnten in Höhlen, wie zum Beispiel in der Vogelherdhöhle im Lonetal auf der schwäbischen Alb, im Hohlen Fels bei Schelklingen oder in Lascaux in Frankreich (Höhlenmalereien). Als älteste figürliche Kunstwerke sind das Mammutelfenbein aus der Vogelherdhöhle, die Venus und der Löwenmensch vom Hohlen Fels erhalten. Sie wurden jetzt dem UNESCO-Weltkulturerbe hinzugefügt. Die harten Überlebensbedingungen machten die Menschen offensichtlich erfinderisch und kreativ. Keiner hat ihnen den Befehl erteilt, so etwas anzufertigen, es kam ganz von innen heraus. Und so ist es bis heute. Es wurden zwar, zum Beispiel in der Malerei, immer wieder Auftragsarbeiten erteilt, die das Überleben u.a. der Maler sicherten, die aber durchaus auch zu Kunstwerken wurden. Was bedeutet das für heutige Menschen, die kreativ sein wollen, aber durch äußere Umstände daran gehindert werden? Was bedeutet es für mich, deren reativen Lebenslauf ich wohl am besten kenne?

Als Kind und als junge Erwachsene waren meine Hauptleidenschaften das Malen, die Natur, die Bücher und das Unterwegssein. Während meine Schwester immer maulte "Wo ist denn der Bahnhof?", hat es mir immer Spaß gemacht, mit meinem Vater durch die Wälder zu streifen, und es hat mich immer interessiert, was da wächst, blüht, kreucht und fleucht. Später kamen das Schreiben dazu, das Reisen in ferne Länder, die Psychologie, das Fotografieren und das Kochen. Das erste, was ich nach Jahren des Studiums und der Familiengründung schrieb, waren Zeitungsartikel, Friedens- und Ökopolitik, mein erstes belletristisches Werk war ein Märchen, das während einer therapeutischen Phase entstand. Noch um einiges später entwickelte ich Kurzgeschichten, aus dem Leben gegriffen und am Wegesrand sammelt. Die wurden in einer Schreibwerkstatt eingestellt und dort diskutiert. Darauf folgte ein biografischer Roman, später insgesamt zehn Romane, ein Sachbuch (Kalender) und drei Beiträge in einer Anthologie. Fünfzehn Jahre lang war ich schreiberisch kreativ unterwegs. Obwohl mir damals schon die Frage gestellt wurde, ob ich nicht lieber malen wollte. Was ist nun von diesen Jahren geblieben, ich meine was ist geblieben, das man sehen und anfassen kann? Die ursprünglichen Leidenschaften wie das Kochen sind nämlich zwischendrin auf der Strecke geblieben. Zehn Bücher, die eine halbe kleine Regalreihe füllen. In meiner Küche hängt ein Stilleben mit Aubergine, das ich in einer Malphase erstellte, in einem anderen Raum eine Küstenlandschaft.

Stilleben


Küstenlandschaft (wird noch ersetzt ohne Spiegelung)

Etwa sechzehn, siebzehn Jahre nach dem ersten Roman, begann die Kreativität zu versanden. Ich hatte keine Lust mehr, mich nach den Gegebenheiten eines Marktes und starren Genreregeln zu richten. Drei Bücher (ein Krimi, ein historischer Krimi und ein zeitgenössisch-historischer Roman) blieben auf der Strecke. Doch mir fehlte das Schreiben so sehr, dass ich die Rechte eines historischen Romans zurückerbat und den seitdem neu schreibe, mit aller Langsamkeit, die in den Jahren der Verlagstätigkeit so nicht möglich war. Allerdings konnte ich mich weiterhin in meinem Blog und im Austausch mit SchreibkollegInnen ausprobieren. In diesen Tagen jetzt machte ich eine Entdeckung. Ich habe Hunderte von virtuell gespeicherten Fotos aussortiert und neu geordnet, ebenfalls ein paar hundert Papierfotos, die in einem Karton abseits gestellt waren. Ich habe festgestellt, dass alles, die Reisen, das Kochen, die Natur, das Wandern, die Psychologie, Bücher, Fotos, Kurzgeschichten und alle Menschen, dneen ich bisher begegnet war, alle, zu denen ich in eine tiefere Beziehung getreten bin, und das gilt auch für historische Persönlicheiten und fiktive Figuren, alles, was ich mir zeitlebens an Wissen über die Welt angegeignet hatte, eine Einheit mit meinem gesamten Leben bilden.