Sonntag, 14. Januar 2018

Hinterm Horizont gehts weiter



Beurener Heide (schwäbische Alb) 2013
In diesen trüben Tagen, die nicht nur gefühlt schon endlos dauern, gehen mir immer wieder zwei alte Songtexte im Kopf herum: "Here Comes the sun" von den Beatles (Abbey road) und "Hinterm Horizont geht's weiter" von Udo Lindenberg. Eigentlich ganz naive Texte, die nicht für sich alleine stehen könnten, aber unvergesslich interpretiert wurden. Beide handeln vom Dunkel in uns und um uns, das unweigerlich vom Gegenteil abgelöst wird - so ist das Gesetz der Natur. Dank seiner Mobilität kann der Mensch dem für kurze Zeit entfliehen, indem er per Jet in wärmere Länder entflieht oder, wie wir gestern, eine kurze Auszeit lang in die Sonne fährt. In Offenburg schien sie mehrere Stunden, und wir haben die Stadt ganz neu entdeckt. Viele französische Wortfetzen waren zu hören, viel badische Lebenslust war in den Straßen, den Cafés zu spüren. Sogar die Autofahrer schienen uns humorvoller und souveräner als bei uns im superschaffigen (und manchmal auch muffigem) Schwaben. Und natürlich haben wir uns wieder vorgenommen, spätestens im Februar dem Frühling entgegenzufahren. So, wie es Goethe mit seinen Ländern meinte, in denen die Zitronen blühn. Irgendwie hatte ich immer gedacht, früher hätten die Schriftsteller an der Côte d’Azur überwintert. Das stimmt aber gar nicht. In Nizza waren russische Literaten wie Gogol und Tschechow zu Gast, bedingt durch den Aufenthalt des Zaren. Thomas Mann und weitere 500 Deutsche hielten sich zwischen 1933 und 1942 teilweise in Sanary-sur-Mer, in Bandol und Le Lavandou auf. Aber nicht, weil letztere so viel Geld hatten und die Sonne genießen wollten, sondern weil sie auf der Flucht vor den Nazis waren. Im nicht so fernen Süden lässt es sich weniger gut überwintern. Im Tessin fror sich Hermann Hesse einen Ast ab und floh nach Bern, um wenigstens etwas Wärme, Gesellschaft und Kultur zu haben, Nietzsche drehte seine philosophischen Runden in Sils Maria, und Heinrich Böll lebte zeitweise in Irland, wo er sicher einen Anflug von Freiheit fand.

Nichtsdestoweniger sollen Stare, die in den Süden fliegen, weniger oft sterben als ihre Artgenossen, die im alten, dunklen Nordwinter bleiben. Was also bleibt einer Autorin übrig, die sich einfach nur nach der Sonne sehnt und auch kein größeres Projekt an der Hand hat, mit dem sie in andere Gefilde abheben könnte? Nach achtzehn Jahren des intensiven Schreibens, nach einer Zeit des Überarbeitens der letzten zu veröffentlichenden Texte ist sie zunächst einmal frei, die Welt steht ihr offen. Persönlich hat sie Wertschätzung durch die Verlage erfahren, man hat sie nie rausgeschmissen, man hat sich um ihre Werke gekümmert. Was die finanzielle Seite angeht, hat sie wie meisten Autoren eine solche Wertschätzung nicht erhalten, und auch andere Künstler und Kreative nicht. Doch das ist eine andere Geschichte, die an anderer Stelle schon diskutiert wurde. Ich versuche die Kollegen zu unterstützen, indem ich die Bücher derer kaufe, die ich schätze. Ich halte meine Augen auf. Die größte Wertschätzung aber erfahre ich von einem Verlag, der mir nach achtzehn Jahren immer noch einen Weihnachtsgruß schickt und von der Leiterin des Verlages, die Interesse an meinen vier letzten Büchern gezeigt hat. (Leider ist sie Ende des Jahres dort ausgeschieden). Sie schrieb, sie freue sich darüber, dass ich bei der Unterbringung meiner Werke auch in ihren Verlag gedacht hätte.

Ach so, ja, was bleibt einer solchen Autorin übrig? Sie wird fahren und die Sonne putzen.

Dienstag, 2. Januar 2018

Lichtblicke

Alte Zollstraße in Wassersleben
Wenn wir früher an Weihnachten in Flensburg waren, genauer gesagt in Wassersleben an der Flensburger Förde, wurde es meist gar nicht richtig hell. Umso stärker sind mir die Kerzen des Weihnachtsbaums in Erinnerung, untermalt vom Duft nach Räucheraal und frisch gepulten Nordseekrabben. Die Straße im Bild, die Alte Zollstraße meiner Kindheit und Jugend, führt nach wenigen hundert Metern ins dänische Grenzland, wo wir die roten Hotdog-Würste, Sild, Makrelensalat und Kaminstreichhölzer kauften. Abseits vom Großen Rummel sind mir diese Licht-Blicke auch weiterhin wichtig geblieben. Diesmal waren es in der Zeit drei Ereignisse, die mir vom Jahresende in Erinnerung bleiben werden: Das alljährliche Fackelfeuer in Altensteig, das wir schon häufig direkt aus der Nähe erlebt haben. Superspannend immer der Moment, in dem das Feuer entzündet wird und ein heftiger Schwall heißer Luft herüberschießt. Wir standen diesmal zusammen mit anderen auf dem oberen und unteren Marktplatz und konnten beide Feuer vor der historischen Kulisse sehen, dazu die tausend Lichtpünktchen der Fackelträger, die hin und her wogten.

Der zweite Lichtpunkt war der Besuch unseres Lieblingslokals in Reutlingen, Alexandre. Für uns ist es immer ein Genuss, dort zu sitzen, ob drinnen oder draußen, die Leute zu beobachten und mit den stets dienstbereiten und freundlichen Kellnern zu plaudern. Über das Essen können wir wenig sagen, aber ein oder zweimal war es gut. Wir bestellen meist zu zweit einen Pfannkuchen mit Apfelmus, Schokoladensoße und Vanilleeis. Die Bedienung war diesmal eine junge Frau, die in Villingen das Hotelfach studiert. Mir wurde klar, wo der Unterschied zwischen einer solchen Kraft und ungelernten Bedienungen liegt. Die haben wir leider bei einem Chinesen erleben müssen, der im Lauf des Jahres immer schlechter wird und sich trotzdem ungemeiner Beliebtheit erfreut. Das falsche Essen, das mir serviert wurde, riss die unfreundliche Kellnerin mir aus der Hand, um mir kurz darauf das richtige zu bringen, nur war die Ente dann ungemein knorfelig und kostete auch noch fünf Euro extra.

Und nun zu Nummer drei, einem Besuch in Esslingen am gestrigen Neujahrstag. Die Stadt war voller Lichter, Menschen bummelten friedlich umher. Es hatten nur wenige Cafés geöffnet, aber bei Segafredo ging es sehr familiär zu. Höhepunkt war ein Besuch der Stadtkirche St. Dionys. Rechts und links des Altars standen leuchtende Christbäume, die romanischen Säulen, der gotische Chor und das Gestühl sind einzigartig. Zwei junge Männer fragten uns, ob sie auch in den Chorraum hinter dem Altar gehen dürften, sie seien orthodox. Die Einladung, sich alles anzuschauen, nahmen sie mit Staunen entgegen. So ist dieses Jahr 2017 voller Licht zu Ende gegangen. Die paar Raketen im Städtle machten den Kohl dann auch nicht mehr fett. Wichtiger war für mich die Überarbeitung des Schwarzwaldkrimis, in dem von Raunächten und einem verschwundenen Pfarrer die Rede ist. Und für mich bedeutet das Ganze vor allem, dass es jetzt jeden Tag ein paar Minuten später dunkel wird. Allen meinen Lesern und Leserinnen wünsche ich viele solcher Licht-Blicke im Jahr 2018, das gerade erst begonnen hat.

Sonntag, 24. Dezember 2017

Weihnachtswünsche

So schneereich war es im letzten Winter hier am Rande des Schwarzwaldes, das war Mitte, Ende Januar. Da drängelten sich die Leute auf den Wegen, manche saßen auf Bänken und blinzelten der Sonne entgegen, als wären sie auf Sylt oder in Sankt. Moritz. Weiße Weihnachten hatten wir zuletzt im Jahr 2010, davor 1983. Das sind siebenundzwanzig Jahre, die dazwischen lagen! Ja, die weiße Weihnacht ist endgültig zum Relikt aus der Kindheit geworden. So ganz ohne Rituale geht es dennoch auch bei uns nicht, wir haben Weihnachten noch nicht abgeschafft. Ein paar Edeltannenzweige und Kerzen, das Umherschweifen in der beginnenden Dämmerung durch Dörfer, wenn "Markt und Straßen verlassen stehn", vielleicht ein Fackelfeuer im Nachbardorf und die Turmbläser von der Herrenberger Stiftskirche, die traditionelle Fondue und zwei ganz offene, freie Tage. Und die Raunächte mit ihrem Gespenstertreiben. Im letzten Jahr saßen wir im Sonnenschein mit Cappuccino in Bad Wildbad. Ein Treffen mit den Söhnen steht danach aus. Ich wünsche allen meinen Lesern, Leserinnen und zufällig Vorbeikommenden ein entspanntes Weihnachtsfest,  so, wie sie es sich vorgestellt haben!

Mittwoch, 20. Dezember 2017

Verrückte Weihnachtswelt

Gestern im Supermarkt, unserem Stamm-Edeka über dem Berg. Da sitzen wir manchmal nach dem Einkauf, trinken einen Cappucino und plaudern mit den Bäckereiverkäuferinnen. Mein bestes Stück, als ehemaliger Rock - und Bluesdrummer allgemeines Aufsehen gewöhnt, sagte laut in das Treiben hinein:  So ein Mistwetter mal wieder, da sollte man doch gleich nach Spanien fahren, ganz in den Süden! Nein, ich fliege in die DomRep, meinte die Bäckereiverkäuferin. Am Tisch daneben saßen zwei Herren, die sich später als 90jähriger Mitbürger und sein etwa 35ähriger Sohn entpuppten. Wir sprechen auch gerade über Spanien, meinte der Vater. Ein paar Sätze gingen hin und her, dann zogen sie um an unseren Nebentisch. Es ging von Spanien im Allgemeinen zu Andalusien im Besonderen, wo der Vater in den fünfziger Jahren als Maurer gearbeitet hatte, mit dem großen Latinum in der Tasche. Der Sohn wollte ihn daran hindern, einen lutherfeindlichen Spruch auf spanisch zu zitieren, es ging immer hin und her, was ihn aber nicht hinderte (und gar nicht schlimm war). Zwischen Freihkeitskämpfen unter dem Cid und dem Leben unter Franco ging die Diskussion dann weiter, darüber, wie Luther die Welt verändert hatte und wessen Geistes Kind er war. Mittendrin begann der Vater unvermittelt ein Gedicht von Nietzsche zu zitieren, das er in der Schule auswendig gelernt hatte.
Im Süden
Nach der dritten Strophe endete die Rezitation, erst später entdeckte ich noch drei weitere Strophen. Wenn ich nicht eingeschritten wäre und nach einem Haus in Spanien zum Urlaub machen gefragt hätte, wären wir da sicher noch am Abend gesessen. Abends saß ich dann vor dem Fernseher und schaute mir eine manchmal Loriot-verdächtige Weihnachtskomödie mit Andrea Safatzki an (Vom Atmen unter Wasser). In überspitztem Galopp ging es eineinhalb Stunden um eine Familie, die Weihnachten feiert. Es wurde alles an Rollenklischees, Verwandtschaftsbeziehungen und Slapstickeinlagen aufgeboten, was ein solches Stückchen bieten konnte. Da fiel mindestens zehn mal der Weihnachtsbaum um, der in letzter Minute besorgt worden war und aussah wie vom Sperrmüll. Der Vater hatte sich in seine Musik-Traumwelt geflüchtet und erweist sich als Muttersöhnchen seiner alkoholisierten Mutter (Uschi Glas), während Gundula, die Hausfrau, abwechselnd den Rotkohl verbrennen, den Hund die Bio-Enten auffressen lässt und nach gegenüber zu ihrem Atemtherapeuten (Uwe Ochsenknecht) entschwebt, von dem sie süßliche Träume mit Weihnachtsbaumtänzen hat. Die Eltern und der Bruder mit Frau treffen ein, alle haben was zu meckern, schließlich gibt es Pizza vom Pizzabäcker, und der allergiegeplagte Bruder mit seinen erfolglosen Ratgeberbüchern kriegt Hundefutter zu essen, was ihm außerordentlich mundet. Vater gundulaseits ist dement, verschwindet immer wieder im Klo und nach draußen und outet sich schließlich in einem lichten Moment als einst heißer Galan der Uschi Glas. Der Therapeut brät seit zehn Jahren eine Gans für seine tote Frau, und in einem der Schlussakkorde, nachdem Gundula endgültig zusammengebrochen ist und alle rausgeschmissen hat, tanzt sie mit ihrem Mann einen (fiktiven) Galatanz um den Baum, während der Therapeut vor seiner Gans sitzt und mitrockt. Doch, es hat Spaß gemacht, diese verrückte Komödie anzuschauen und dieses Gespräch im Supermarkt zu führen, manches erinnerte mich an meine Familie und die anderer Leute. Seitdem kann ich den Weihnachtsrummel noch entspannter angehen.































Freitag, 15. Dezember 2017

Kleinen, feinen Verlag gefunden!

Heute fand ich eine Mail in meinem Postfach, die mir den Tag gerettet hat und endlich wieder etwas Bewegung in mein Leben als Autorin bringt. Ein kleiner, feiner E-Book-Verlag möchte alle vier Romane, deren Exposés ich hingeschickt hatte, veröffentlichen und mir im neuen Jahr dafür ein Angebot machen. Es handelt sich um einen neu bearbeiteten Roman aus dem dreißigjährigen Krieg(Backlist), um einen historischen Krimi, einen Roman, der sich auf zwei Zeitebenen in Deutschland, Venedig und Südamerika bewegt und bis in die Nazizeit zurückreicht sowie einen Schwarzwaldkrimi. Alle vier hätten nach Ansicht der Verlagsleiterin sehr gutes Verkaufspotenzial und würden auch von den Vertriebspartnern (wie Thalia, Osiander, Amazon usw.) gut aufgenommen werden. So hat diese Irrfahrt jetzt vorerst ein Ende, denn ein paar Agenturen und zwei, drei Verlage, die ich in den letzten Jahren angeschrieben hatte, wollten von einer Veröffentlichung nichts wissen. Selber machen ist natürlich immer wieder eine Möglichkeit, die mir aber inzwischen widerstrebt. Meine sieben veröffentlichten Romane standen alle mehr oder wenige lang über Jahre in den Buchhandlungen, deshalb ist die Buchhandelspräsenz jetzt nicht mehr so wichtig für mich. Wichtig ist es, gelesen zu werden. Wenn mich nicht alles täuscht, kann man die E-Books nicht nur über die Onlineshops aller Buchhandlungen bestellen, sondern sie auch gedruckt bekommen -  über Create Space oder Book on Demand. Für diejenigen, die nach wie vor lieber gedruckte Bücher lesen. (Der Vorteil bei den E-Books ist der, dass sie bei der Auslieferung nicht die Straßen verstopfen, weder durch das eigene Auto noch durch den DHL-Zustelldienst oder die Post.)

Montag, 11. Dezember 2017

Was brauchen wir wirklich?

Wir befinden uns wieder in der Vorweihnachtszeit, und ich muss sicher nicht mehr darauf hinzuweisen, dass sagen wir mal neunzig Prozent vom dem Klamauk überflüssig ist. Was brauchen wir wirklich an Weihnachten? Eigentlich nicht mehr als das, was wir Älteren als Kinder kannten: Brennende Kerzen, einen Tannenbaum, Sterne, Lametta, einen Korb mit Orangen und Süßigkeiten, Schnee und ein festliches Essen. Naja, Geschenke natürlich auch. Und die Familie. Die ersten Weihnachtsmärkte, die ich erlebte, waren klein, glänzend und duftig, wie zum Beispiel der in Wildberg hier um die Ecke - vor etwa zwanzig Jahren. Die Leute hatten ihre Garagen geöffnet, es lag Selbstgemachtes zum Verkauf aus, und zum Essen gab es echte Thüringer Bratwürste. Seitdem hat es sich immer mehr kommerzialisiert, und wir gehen nur noch selten auf einen dieser Märkte. Zum Beispiel erlebten wir am vergangenen Wochenende in Horb eine herbe Enttäuschung. Der Markt war von der pittoresken oberen Altstadt an den Platz am Fluss verlegt worden, es wehte ein eisig kalter Wind, so dass einem die Lust auf Würste oder Kartoffelchips am Spieß verging. Mittendrin stand ein Zelt mit einer Falknerei, ein Stück weiter dröhnte Popmusik von einer Bühne, auf der verkleidete Mädchen herumtanzten. Wir waren schnell durch, und es war klar, dass uns auf allen Märkten das Gleiche erwarten würde. Später las ich in der Zeitung, dass die Betreiber der kleinen Stände mit dem Honig oder den Wachskerzen nicht mehr kommen würden, weil sich wegen der Vogelschau alles um diesen Stand gedrängt hätte und keiner mehr zu ihnen durchkam.

Was wir wirklich brauchen, habe ich am vergangenen Wochenende erlebt. Die Heizung ist zweieinhalb Tage lang ausgefallen, die Vermieter waren verreist. Nachdem ich endlich jemanden auf dem Handy erreicht hatte, kam am Sonntag notfallmäßig der Monteur. bis dahin hatte ich in der Wohnung jede Wärmequelle aufgesucht, die verfügbar war. Den kleinen Radiator, einen Sonnenstrahl ab und zu. Beim Kochen schaltete ich jede Herdplatte an, um Kartoffeln, Gemüse und anderes zuzubereiten und die Abwärme zu genießen. Die Eisfüße steckte ich ab und zu in eine Schüssel mit heißem Wasser. Am Nachmittag fegte ein mittlerer Schneesturm über das Land hinweg, auf den Straßen war Panik ausgebrochen, überall blinkten Lichter, eine Weltuntergangstimmung. Der Monteur erzählte, dass es auf dem Kniebis (in 1000 Metern Höhe) schon wieder regne. Er schaufelte Asche aus der Heizung, aber sie blieb weiterhin die ganze Nacht kalt. Ich konnte an nichts anderes mehr als an Wärme denken. Wie haben es die Steinzeitmenschen bloß ausgehalten? Es war ja sicher nicht für jeden eine Höhle da mit einem Feuer und Felswänden zum Bemalen. Wenn das Klima zu rau wurde, sind sie in den Süden gezogen. Und es ist noch nicht vorbei: Bevor jetzt die Wohnung überhaupt wieder aufgewärmt ist, geht die Heizung schon wieder aus. Das sind die Nachteile der Computerheizungen, bei meinem Ölofen konnte ich früher alles selber regulieren.

Ein anderes Thema ist das Einkaufen (Grundbedürfnis: Essen und Trinken). Heute las ich in der Zeitung, dass die Deutschen wieder mehr in Einzelhandelsgeschäften kaufen sollten. Durch das Internet-Bestellgeschäft würden diesen ihre Grundlagen entzogen. Alle Welt kauft im Internet, und wie ich bei einer Fernsehsendung ("Amazon-gnadenlos erfolgreich") mitbekam, sind es allein 44 Millionen, die bei dort Waren, nicht nur Bücher, bestellen. Die übrigen 44 Millionen drängen sich in den Discountern und Supermärkten. Und alle haben ihren Dreck am Stecken, behandeln ihre Mitarbeiter unwürdig und schlampen zunehmend bei der Qualität. Wenn ich ein Buch brauche, gehe ich in die Buchhandlung. Oder ich lade mir ein E-Book meiner Wahl auf meinen Reader. Ja, ich kaufe auch gern beim Aldi, da ist es angenehm, das Gemüse ist frisch, und es gibt immer ein Thema wie Spanien, Griechenland, Frankreich usw. An der Kasse geht es zügig voran. Trotzdem gab es auch da schon Schlagzeiten wegen der Mitarbeiter. Dass es auch anders geht, hat Tim Mälzer heute Abend gezeigt: Eine Familie kam eine Woche lang mit 150 Euro für fünf Personen aus, und zwar mit Bio-Lebensmitteln. Einzig deswegen, weil sie nicht die genormten teuren Waren, sondern die mit kleinen Macken gekauft und alles wiederverwendet hatten. Ich werde mein Konsumverhalten daraufhin mal wieder überdenken. Es muss ja nicht gleich die Kiste Apfelsinen direkt vom spanischen Bauern sein, so viel könnte ich niemals verbrauchen. Aber ich weiß jetzt, dass ich viel weniger kaufen muss, um das zu bekommen,was ich wirklich brauche: Gut schmeckende Lebensmittel.

Der dritte, persönlichere Punkt ist die Aufmerksamkeit und die Anerkennung von anderen, die jeder von uns benötigt (wenn das Wichtigste, nämlich die Lebensgrundlage, gesichert ist.) Ich merke, dass dieser Hunger nach Anerkennung bei mir weniger geworden ist. Meine berufliche Zeit habe ich erfüllt, ab und zu schreibe ich noch einen Zeitungsartikel für meinen Verein. Kürzlich traf ich eine ehemalige Klientin, die mich gleich umarmte, was während des Dienstes verpönt war. Ich habe drei Verlage wegen meines Romans über den dreißigjährigen Krieg angeschrieben (Backlist), ein kleiner, feiner E-Book-Verlag hat sich schnell gemeldet und die Exposés dieses und drei anderer Romane angefordert. Ich warte eigentlich gar nicht so richtig auf Antwort, wahrscheinlich kommt erst im neuen Jahr etwas, wenn überhaupt. Und ich freue mich über Rankings meines E-Book- Bundles vom Verlag, ohne davon viel zu erwarten. Im Moment glaube ich, dass sich mein Bedürfnis nach Anerkennung im Moment tatsächlich erfüllt hat, selbst bei Facebook und Twitter schaue ich nur noch ab und zu rein. Ich bewundere diejenigen, die sich da reinhängen, um am Zustand der Welt ein bisschen was zu ändern, aber das Gros sind doch diejenigen, die sich selbst beweihräuchern und Punkte sammeln. Wichtiger ist für mich jetzt, die Bude warm zu haben und mir zu überlegen, wie ich mir mein Leben in dieser durcheinandergequirlten Welt für mich und andere einrichten kann.

Mittwoch, 22. November 2017

Heimat finden


Elfinger Berge bei Maulbronn-auch ein Stück Heimat
Gestern sind wir, nach einer langen dunklen Nebelperiode, mal wieder ausgeflogen. In den Schwarzwald, der ja gleich vor unserer Haustür liegt. Ein wenig Sonne hatte sich durch die Schleier gekämpft, und je weiter wir nach Süden fuhren, desto klarer wurden die Umrisse der Berge, desto hübscher die Häuserfassaden, desto lebendiger die Läufe der Flüsse und Bäche. In einer Bäckerei naschte ich vom Kuchen meines Gegenübers -ich selbst bestelle mir fast niemals einen, weil ich lieber Deftiges mag. Es war mir, als hätten diese Heidelbeeren, Melonenschnitze und Himbeeren noch nie so intensiv geschmeckt. In einer anderen Stadt stellten wir das Auto an den Rand der Fußgängerzone und liefen in eine märchenhafte Lichterzone hinein. Schramberg, das war bisher immer die Stadt der Uhren gewesen, Industriestadt, allenfalls noch interessant durch die rußgeschwärzte Burg weit oben, die wir schon einmal für Recherchen durchstreift hatten. Jetzt war es wie eine Offenbarung, als hätten wir diese Straße noch niemals gesehen. Rechts und links Geschäfte aller Arten, Kuchen und bunt verzierte Torten, glänzender Schmuck, Kleidung, Cafés, Restaurants, Kneipen, in denen die Gäste wie Könige im Schaufenster thronten. Und überall gelassen schlendernde Menschen, die noch nicht vom Weihnachtstrubel erfasst waren.

Dann eine kleine Buchhandlung. Da gab es merkwürdigerweise keine Riesenauslage von Krimis und Thrillern, auch keine Regionalkrimis, sondern eine Abteilung "Heimat". Was ist das eigentlich, Heimat, wie konnte der Begriff von einem so verstaubten und belasteten zu einem immer mehr gebräuchlichen werden? Heimat ist, wo man herkommt, wurde früher oft gesagt, hat was mit der Kindheit zu tun, mit dem Geschmack und Geruch der alten Zeiten. Ich hatte früher immer gedacht, es sei der Ort, wo man sich am meisten zuhause fühlt und wo die leben, die einem am liebsten sind. Inzwischen würde ich den Begriff anders definieren, und das erklärt auch dieses Gefühl, das ich während der Fahrt in den Schwarzwald empfand. Es ist das Gefühl, mit sich selber im Einklang, ganz da zu sein und die Welt mit allen Sinnen zu erfahren. Es ist kein immer währendes Gefühl, ähnlich dem Glück, es kann sehr schnell durch den Einbruch der schnöden Außenwelt wieder zerstört werden.

Parallel dazu las ich, dass die Besitzer von Smartphones nur noch acht Minuten täglich telefonieren würden, alles verlagere sich zunehmend auf die Online-Kommunikation. Dass die Kids es aber neuerdings genießen würden, Unkraut zu jäten. Der Wald stehe in der Werteskala der Deutschen inzwischen auf Platz eins, noch vor Gesundheit und Familie. Wald aber eher als Event, in dem man sich schnell und effektiv erholen wolle. Mir ist schon klar, woher das alles kommt, man braucht sich nur die Bestenlisten anzusehen. Wald und Bäume bei den Büchern, bei den Kalendern, gestern war sogar ein ganzes Schaufenster als Wald eingerichtet, mit Wolf, Wildschwein, Hase und Igel darin. In Pforzheim gibt es ein Schnellrestaurant, in dem die Gäste zwischen Holzstämmen sitzen, ich glaube, es servieren sogar Kellner und Kellnerinnen mit Dirndln und Lederhosen. Seit Dörte Hansens "Altes Land" ist der Heimatbegriff wohl endgültig salonfähig geworden. Und der Titel "Das Kind in dir muss Heimat finden" steht schon monatelang auf der Bestenliste. Ich persönlich habe meine Heimat in der Natur und in der Kultur, finde sie in Büchern, im Schreiben und bei Menschen, die ähnlich denken und empfinden wie ich. Gerade vorgestern habe ich meinen Roman beendet und ihn noch nicht irgendwohin geschickt. Denn solange er noch bei mir ist, gehört er zu meinem "Heimatgefüge".